Sascha Schneider, Vorsitzender von "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen", und Christa Weiß, Vorsitzende des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte (VKM) konnten zum ersten Regensburger Inklusionsworkshop in den Räumen des Evangelischen Bildungswerks in Regensburg mehr als 100 Teilnehmer begrüßen.
Das Hauptreferat hielt Sonderpädagogin Ines Boban, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg
Inklusion Ines Boban: Nur mit einer inklusiven Erziehung auf allen Ebenen können Diskriminierungen beseitigt werden.
Als ein Erfolgsmodell, das auch in anderen Städten verwirklicht werden kann, bezeichnet Ines Boban, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, das Stadthaushotel in Hamburg. Das Hotel betreiben behinderte Menschen, die dort auch wohnen. Kompetenzorientiert sei das Projekt ab 1987 entwickelt worden, seit 1993 läuft der Betrieb. Behinderte Menschen können sich dort in vielen Bereichen als „Gastgeber“ verwirklichen. Nur einen Fehler habe man dabei - nach heutigen Gesichtspunkten – gemacht: „Wir haben uns das für die behinderten Menschen ausgedacht, sie aber selbst nie gefragt.“ Die im Jahr 2006 verabschiedete UN-Menschenrechtskonvention wurde vor zwei Jahren auch von der Bundesrepublik Deutschland unterschrieben. Sie legt unter anderem eine „inklusive Erziehung auf allen Ebenen“ ans Herz, von den Kinderkrippen über die Schulen und Unis bis zur Erwachsenenbildung bei den Volkshochschulen. Seitdem gilt auch in Deutschland ein individueller Rechtsanspruch auf einen diskriminierungsfreien Zugang. Die Konvention der Vereinten Nationen (UN) fordert, dass zügig zielgerichtete Maßnahmen zu ergreifen sind, um für eine diskriminierungsfreie qualitativ hochwertige Ausbildung Angebotsstrukturen zu entwickeln. „Das ist unser Auftrag, wie schaffen wir das?“, fragte Boban beim ersten Regensburger Inklusionsworkshop. Es geht um eine „weltweite Anstrengung, die an allen Orten auf Realisierung hofft“. Für den Bereich der Regelschulen wurde in Bayern inzwischen ein entsprechender Gesetzentwurf vorbereitet. Bei der Inklusion geht es um einen „neuen und geschärften Fokus“, sie wendet sich der Vielfalt positiv zu und umfasst alle Dimensionen von Heterogenität. „Alle Diskriminierungen müssen beseitigt werden“, stellt Boban fest. „Wir müssen es tun, dürfen nicht warten, bis wir es gerne tun“. Skeptiker seien oft erfolgreicher. Boban betonte vor mehr als 100 Betroffenen, Vertretern und Mitarbeitern in Behinderteneinrichtungen und Fachdiensten und Vertretern der zuständigen Behörden, dass es um ein „kompetenzorientiertes“ Handeln gehe. Man müsse immer wieder „ schauen, was geht“ und welche Art von Unterstützung dafür nötig ist. Es gehe darum, ein Familienleitbild zu erstellen, nicht darauf zu warten, bis andere die Wünsche der betroffenen erraten oder erst fragen müssen. Ziel dieser Zukunftsplanung sei es, eine „Traumkiste“ für die behinderten Mitbürger zu füllen. Dabei müssen Eltern und Geschwister, Bekannte und Freunde, Lehrer und Fachkräfte, auch Hilfsdienste eingebunden werden. Mit konkreten Zielen gehe es darum, konkret die Zukunft zu planen und dabei die gesamte Umgebung neu zu gestalten. Inklusion bedeute dabei auch, „Neues zu schaffen, weil Bestehendes nicht passt“, betont Boban ausdrücklich. (we)
Gudrun Vater, Diplom-Psychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabgilitation der Universität Köln, berichtete über ein Forschungsprojekt zu Zugangswegen am Übergang Schule-Beruf
Für behinderte Jugendliche gibt es viel mehr Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen, als den meisten bekannt oder bewusst ist. Das sagt Diplom-Psychologin Gudrun Vater. wir fragten nach:
Haben behinderte Jugendliche gute Chancen, nach Ende der Schulausbildung einen Beruf zu erlernen?
80 Prozent der behinderten Jugendlichen haben keinen Schulabschluss. Die größte Gruppe unter ihnen sind Jugendliche mit Lernbehinderung. Für diese Jugendlichen gib es Übergangsmaßnahmen, weil sie im allgemeinen Arbeitsleben nicht unterkommen. Und in diesen Übergangsmaßnahmen landen die meisten.
Haben Sie dazu konkrete Zahlen zur Hand?
Insgesamt ist die Datenlage schwer zu interpretieren. In erster Linie, weil Bestands- mit Zugangszahlen vermischt werden und eine Überschneidung der Maßnahmen nicht ausgeschlossen werden kann. In Rehabilitationsmaßnahmen zur beruflichen Eingliederung befanden sich 2009 etwa 70 000 Jugendliche. Ungefähr 14 000 Jugendliche haben 2009 einen Ausbildungsvertrag nach besonderen Bedingungen abgeschlossen und etwa 4500 behinderte und schwerbehinderte junge Menschen haben eine Ausbildung begonnen, die finanziell von der Bundesagentur für Arbeit unterstützt wurde.
Warum gehen so viele in Übergangsmaßnahmen und so wenige in Ausbildung?
Unter den behinderten Jugendlichen herrscht eine große Passivität. Die allermeisten verlassen sich auf das, was ihnen ihre Lehrkräfte sagen. Viele starten ins Berufsleben mit Unsicherheit und ohne konkrete Berufsperspektiven.
Was kann man dagegen tun?
Es geht darum, Kompetenzen zu vermitteln, aber vor allem darum, persönliche Qualitäten zu erkennen und zu entwickeln. Die behinderten Jugendlichen müssen ermutigt werden, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Jeder Berufsweg beginnt mit einem ersten Schritt.
Sie haben dazu ein Forschungsprojekt durchgeführt, was sagt das Ergebnis?
Wichtig ist vor allem, Barrieren abzubauen, damit Jugendliche in Arbeit kommen. Behinderte Jugendliche trauen sich meist gar nicht, sich etwa für einen Ausbildungsplatz in der Automobilindustrie zu bewerben. Und sie fühlen sich von den betrieblichen Ausbildungskonzepten nicht angesprochen. Meist verhindern betriebliche Routinen Ausbildungsplätze für behinderte Menschen. Allein durch Infoveranstaltungen und Schnupperpraktika könnte man hier viel erreichen. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, als viele wissen.
Betroffene und Angehörige haben Probleme mit eingefahrenen Wegen, kritisieren das Beratungsangebot und klagen über mangelnde Transparenz bei der Beratung
Ich habe keine Kraft mehr und Berater können mir nicht weiterhelfen, klagten mehrere Teilnehmer der Podiumsdiskussion
Beim ersten Regensburger Inklusionsworkshop diskutierten mehr als 100 Betroffene, Angehörige, Vertreter und Mitarbeiter von Fördereinrichtungen und Fachdiensten und der zuständigen Behörden. Viele Fragen blieben offen.
Regensburg. „Ich habe die Beratung nicht verstanden“, klagt eine Mutter, von Beruf Sozialpädagogin. Sie wollte sich über Möglichkeiten der Berufsausbildung für ihre behinderte Tochter erkundigen und kam trotz engagierten Fragens in Behinderteneinrichtungen (Schule) und beim Arbeitsamt nicht weiter. „Ich habe keine Kraft mehr und nicht die Zeit, 20 Bücher dazu zu lesen“, klagt sie. „Die Verantwortlichen müssen es schaffen, gangbare Wege aufzuzeigen!“ Es sei so viel Kraft nötig für die Suche, wo es überhaupt Hilfe gebe. Und viel von dem, was die Berater erzählen, könne sie nicht verstehen, klagt eine andere Mutter eines behinderten Kindes, die immerhin auf ihr Abitur verweisen kann. Sie wünscht sich, „dass alle Kinder ernst genommen werden“ und Hilfe dürfe nicht am Geld scheitern. Viele Berater würden sich hinter Vorschriften verschanzen, klagt sie. Es gehe darum, den Menschen zu helfen. „Aber viele haben kein Gefühl für den Betroffenen.“ Eine weitere Mutter klagt, dass die Realität oft ganz anders aussehe, als etwa vom Arbeitsamt berichtet. „Wenn ich als Mutter sage, das möchte ich nicht“, dann gebe es eben keine Hilfe. Alternativen müsse man sich selber suchen, durch vorgezeichnete Wege seien unüberwindbare Hürden aufgebaut. Bei der Podiumsdiskussion beim ersten Regensburger Inklusionsworkshop hatte zuvor Bereichsleiter Peter Smolarczyk vom Arbeitsamt Regensburg Hoffnung geweckt. Der drohende Arbeits- und Fachkräftemangel könne die Chancen der Menschen verbessern, die sonst nicht zum Zuge kämen. Sonderpädagogin Ines Boban verwies darauf, dass durchaus überall besondere, auch ganz verrückte und bisher unvorstellbare Projekte entstehen würden. Diplom Psychologin Gudrun Vater empfahl, man müsse aktiv etwas unternehmen und auch mit Firmenchefs zusammenarbeiten. Ergebnisse aus der von ihr entwickelten partizipativen Forschung würden durchaus Hoffnung geben. Leitender Regierungsdirektor Klaus Peter Hartmann will an der Inklusion schon alleine aus Kostengründen mitwirken. 160 Millionen Euro gebe der Bezirk Oberpfalz jedes Jahr für die Eingliederungshilfe aus, um damit Menschen zu helfen. Direktor Michael Eibl wies darauf hin, dass die Katholische Jugendfürsorge in der Diözese Regensburg mit ihren etwa 3000 Mitarbeitern rund 120000 Menschen erreiche. Ziel sei es, gemeinsam im Dialog mit den Betroffenen, ihren Eltern und den Sorgeberechtigten den richtigen Weg und den richtigen Arbeitsplatz für jeden Menschen zu finden. „Für alle muss es passen.“ Selbständigkeitskompetenz, Mitbestimmung und auch ein gerechter Lohn müssen im Fokus aller Bemühungen stehen. Die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) „dürfen keine Einbahnstraßen sein“, forderte Hartmann. Die Werkstätten seien aber übervoll und bisher gebe es wenig Alternativen. Der Weg müsse aus den Förderschulen in die Werkstatt oder in die unterstützte Beschäftigung führen, erläuterte Smolarczyk, nicht aus der Werkstatt in die unterstützte Beschäftigung. Priorität habe die Ausbildung. Sei das nicht möglich, dann müsse man an eine Übergangsmaßnahme denken. Schließlich stelle sich die Frage: Ist Arbeit möglich? Gebe es im allgemeinen Arbeitsmarkt keine Möglichkeit, dann seien unterstützte Beschäftigung oder die Werkstatt die Alternativen. Smolarczyk verwies darauf, dass in den vergangenen Jahren die Zahl schwerbehinderter Menschen, die in ganz normalen Betrieben arbeiten, stark abgebaut worden sei. Als großes Problem sieht er, dass jenen, für die die Werkstatt nicht passe, die Arbeitslosigkeit drohe, wenn sie auf dem normalen Arbeitsmarkt nicht unterkommen können. „Wir bräuchten mehr Arbeitgeber, die mitmachen“, fordert der Vertreter der Agentur für Arbeit. „Es wird bezahlt.“ Und ein Teilnehmer bestätigt, dass es bei vielen Unternehmen Vorbehalte gebe, behinderte Menschen zu beschäftigen, weil sich die Arbeit überall verdichtet habe. Entsprechende Arbeit sei da, es müsse nur organisiert werden. Und er fragt: „Warum müssen Führungskräfte am Kopierer stehen?“ Die Entscheider in vielen Unternehmen müssten umdenken und neue Perspektiven entwickeln. Eine Teilnehmerin würde da gerne etwas machen und neue Arbeitsplätze für behinderte Menschen schaffen, erzählt sie. Auf dem Weg, eine eigene Integrationsfirma zu gründen, sieht sie bisher aber eine Fülle von unüberwindbaren Hürden. Probleme bereite meist die Höhe der Förderung, sagt dazu KJF-Direktor Eibl. Man müsse über die klassischen Wege hinausgehen und ganz neue Angebote schaffen, meint dazu ein anderer Teilnehmer. Moderator Sascha Schneider, Vorsitzender von „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“, musste die Diskussion nach fast zwei Stunden abbrechen. Zahlreiche Wortmeldungen konnten aus Zeitgründen nicht mehr berücksichtigt werden, viele Teilnehmer mussten ihre Fragen wieder mitnehmen. Auch mit Antworten vom Podium waren viele nicht zufrieden. Um zukunftsfähige Ziele für Menschen mit Behinderung zu entwickeln und ganz konkrete Schritte der Verwirklichung zu erarbeiten, ist eine persönliche Zukunftsplanung im Rahmen einer Zukunftskonferenz mit einem individuellen Kompetenzteam sinnvoll, betont dazu Ines Boban. Es wird zu diesem Themenbereich voraussichtlich im Herbst wieder eine Veranstaltung geben, versicherten Sascha Schneider und VKM-Vorsitzende Christa Weiß, die den ersten Regensburger Inklusionsworkshop zusammen mit dem Evangelischen Bildungswerk Regensburg organisiert hatten.
Ein Ort, sich weitere Informationen zu holen, und zum Gedankenaustausch ist der Stammtisch von „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ und dem „Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte“ (VKM) jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 20 Uhr im Dechbettener Hof, Dechbetten 11, in Regensburg.
Unterstütztes Arbeitstraining: Ines Boban, Lehrerin für Sonderpädagogik, stellte beim Workshop das „Unterstützte Arbeitstraining“ vor. Es orientiert sich an den Grundsätzen der Unterstützten Beschäftigung (Supported Employment). Es umfasst die berufliche Orientierung und Vorbereitung, die Arbeitsplatzbeschaffung und Vermittlung, die Qualifizierung im Betrieb und die langfristige Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses. Die unterstützte Beschäftigung zielt auf dauerhafte und bezahlte Arbeit in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarkts. Das unterstützte Arbeitstraining orientiert sich an den individuellen Fähigkeiten und an konkreten Anforderungen von Arbeitsplätzen. Es greift auf, dass für eine langfristige Integration die Lebensbereiche Arbeit, Wohnen und Freizeit ganzheitlich zu berücksichtigen sind. www.gab-ub.de
Bamberg bewegt: Diplom Pädagoge Kuno Eichner, Werkstattleiter bei den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten, stellte „Integra Mensch“ vor. Bei dem Projekt geht es auf sozialpolitischer Ebene um den Aufbau persönlicher Beziehungen und auf der Organisationsebene darum, dass jeder Unternehmer am Ort dabei sein möchte. Mit einem Netzwerk werden ein regionaler Unterstützerkreis und ein persönliches Kompetenzteam aufgebaut. Und schließlich ist die individuelle Ebene des behinderten Menschen von Zentraler Bedeutung. Von 500 behinderten Menschen arbeiten bei dem Bamberger Modell 100 an „gemeindenahen“ Arbeitsplätzen und nicht in der typischen in sich abgeschlossenen Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). www.integra-mensch.de
Wohnprojekt „trauminsel47drei“: Elke Klein, aktives Gründungsmitglied und Vorsitzende des Haupt- und Fördervereins „Traumsinsel47drei“, und ihre behinderte Tochter Rebecca stellten das Wohnprojekt in Stadtbergen bei Augsburg vor. Dort ist die Sozialarbeiterin und Gesundheits- und Krankenpflegerin mit ihrem Team dabei, einen Lebensraum für fünf individualistische Menschen mit einer „Rund-um-die Uhr-Assistenz“ zu schaffen. Geborgenheit, Zukunft und Sicherheit stehen dabei im Mittelpunkt. Für eine stumme Frau mit autistischen Besonderheiten und vier weitere Menschen mit verschiedenen Behinderungen soll ein Traum wahr werden: „Daheim statt im Heim.“ www.trauminsel47drei.de
Wohnprojekt Erlangen: Gertraud Meininger und ihr Mann haben in Erlangen ein Wohnprojekt für ihre erwachsene behinderte Tochter und andere Menschen aufgebaut. Sie haben dafür ein dreistöckiges Haus gekauft, das für sieben Bewohner in zwei Wohngemeinschaften und in einem großzügigen Dachgeschossappartement Platz bietet. Die Wohnungen sind privat und frei an behinderte Menschen vermietet. Jeder Bewohner kümmert sich selbst um die für ihn notwendige Assistenz. Die Bewohner sind in der Nachbarschaft bestens angenommen.
Texte und Fotos: Engelbert Weiß
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