Jetzt auch in Süddeutschland ein Lager mit Fahrzeugen zum Besichtigen und ausprobieren
Niederwinkling/Straubing.
Menschen mit Behinderung brauchen nicht länger vom Fahrradfahren ausgeschlossen
bleiben. Thomas Uhe betreibt seit Anfang vergangenen Jahres in Bremen mit "Theramobile"
das erste Fahrradgeschäft für Menschen mit Handicap. Die Nachfrage
ist groß. Vor ein paar Wochen richtete er in Niederwinkling im Landkreis
Straubing-Bogen einen Stützpunkt für Interessenten aus Süddeutschland
und Österreich ein.
"Mobilität ist ein hohes Gut." Das weiß der 40-jährige
Familienvater aus eigener Erfahrung. Seine Mutter hatte vor Jahren für
die 25-jährige Pflegeschwester ein Rollstuhlfahrrad gesucht. "Es war
schier zum Verzweifeln", erinnert sich Thomas Uhe noch sehr gut. Tagelang
bestand das Arbeitspensum hauptsächlich aus der Suche nach einem geeigneten
Gefährt. Die Besuche bei Fahrradläden und Sanitätshäusern
waren vergeblich. Erst nach Wochen wurde die Familie fündig.
Aus diesem Schlüsselerlebnis heraus entschied sich der damalige Vertriebsleiter
eines großen Getränkeherstellers, sich intensiver mit dem Thema therapeutische
Fahrräder zu beschäftigen. Nach etwa zwei Jahren Recherche stellte
er fest, dass auf diesem Sektor wohl eine große Nachfrage bestehe, aber
das Angebot kaum vorhanden oder bekannt sei.
Im Januar vergangenen Jahres eröffnete er in Bremen einen Verkaufsraum
für solche Spezialräder. Inzwischen kann er dort rund 300 Fahrzeuge
- vorwiegend gebrauchte - anbieten. Neben gängigen Gebrauchtmobilen der
Marken Hoening, van Raam, Draisin, Haverich, Wulfhorst und viele andere, können
die Kunden auch nach Sonderanfertigungen fragen. "Wichtig ist es für
mich, dass die Kunden eine ausreichende Auswahl vorfinden und vor allem die
Fahrräder probefahren können", deutet Thomas Uhe die Individualität
der Kundenbedürfnisse an. Das können spezielle Tandemfahrräder
sein, bei denen ein Radler mit erheblicher Sehschwäche oder gar Blindheit
mitstrampeln kann. Bei anderen Velos dieser Art kann aufgrund der technischen
Ausstattung der Trettmechanismus ausgeschaltet werden. Thomas Uhe führt
aber auch Fahrräder - teilweise mit einem kleinen Antriebsmotor ausgestattet
-, die im Frontbereich einen Rollstuhl aufnehmen können - so genannte Roll-Fiets.
Aber auch Kinderfahrräder für unterschiedlichste Anforderungen, sei
es für spastisch Gelähmte oder für Kinder mit einer Behinderung
an den Extremitäten, hat Uhe nahezu ständig vorrätig.
Auf gebrauchte therapeutische Fahrräder hat sich Uhe deshalb spezialisiert:
"Viele Menschen mit Behinderungen können sich seit der Gesundheitsreform
kein Fahrzeug mehr leisten und sind so erheblich in der Bewältigung ihres
Alltags eingeschränkt. Auf ganz alltäglichen Wegen – zur Arbeit,
zum Einkaufen, um Freunde zu besuchen – benötigen sie zusätzlich
Hilfe von außen." Oft geht es auch darum, die eigene Selbständigkeit,
das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bestätigt
zu bekommen. Und Uhe unterstreicht deshalb seine Firmenphilosophie: "Damit
möglichst viele Menschen die Chance haben, ein bezahlbares therapeutisches
Fahrrad zu erwerben, habe ich ja Theramobile gegründet."
Sein Unternehmen stehe für einen verantwortungsvollen Umgang miteinander,
bekräftigt der Vater von drei Kindern und Bruder einer behinderten Pflegeschwester.
"Als Gründer von Theramobile ist es mir ein persönliches Anliegen,
ein sozialverträgliches, umweltverträgliches, und nachhaltig wirtschaftendes
Unternehmen zu führen." Entsprechend verantwortungsbewusst will er
auch gegenüber seinen Kunden sein: Jedes der angekauften Fahrräder
wird überprüft und eine Reihe von Teilen, wie Sitze, Felgen, Bremsen,
Reifen automatisch ersetzt. "Da darf nicht gepfuscht werden. Die Qualität
muss zu 100 Prozent stimmen", mahnt Uhe.
Das Erfolgsrezept für das erste Fahrradgeschäft für Menschen
mit Handicap scheint aufzugehen. "Ansonsten wäre es mir nie gelungen,
innerhalb eines Jahres eine so große Anzahl an Rädern anbieten zu
können", erklärt Uhe, der sich sehr gut an die Anfangszeit erinnert,
als die Banken das Risiko nicht mittragen wollten und er allein mit seinen Ersparnissen
die ersten Einkäufe berappen musste. Das Angebot wird inzwischen weit über
die Grenzen der Hansestadt hinaus genutzt: "Ich habe viele Anfragen auch
aus Süddeutschland und Österreich."
Doch wieso eröffnet er jetzt ausgerechnet in Niederwinkling ein Lager?
Thomas Uhe hat hier einen Onkel. Schon als Kind hatte es ihm die Region angetan.
Als Nordlicht begeistert ihn noch heute die Möglichkeit zum Skifahren.
Daher erinnert er sich noch an die Skikurse, die er auf den Pisten an den Ausläufen
des Bayerischen Waldes absolvierte. Momentan hat er im Gewerbegebiet in Niederwinkling
eine Teilfläche einer Halle angemietet. Dort kann er derzeit etwa 20 bis
30 Räder präsentieren. "Zumindest brauchen die Interessenten
aus dem Süden der Republik nicht die weite Fahrstrecke nach Bremen auf
sich nehmen", führt er als Vorteil des Standorts an, wobei er weiß,
dass "Leute, die solche Velos suchen, oft hunderte von Kilometern fahren,
damit sie überhaupt ein solches kaufen können."
Die Entscheidung Uhes war richtig: "Schon in den ersten vier Wochen nach
dem Einzug haben sich mehrere Interessenten gemeldet. Ein wichtiges Argument
für den Erfolg von Theramobile sieht er darin: "Ich versuche für
jedes Handicap das richtige Fahrrad anbieten zu können."
Das sich Thomas Uhe einiges vorgenommen hat, zeigen die Zahlen des Statistischen
Bundesamts: Zum Jahresende 2007 lebten in Deutschland 6,9 Millionen schwerbehinderte
Menschen; das waren 153 000 oder 2,3Prozent mehr als am Jahresende 2005. Und
die Tendenz ist weiter steigend.
Feste Öffnungszeiten für den Ausstellungsraum in Niederwinkling gibt
es aktuell nicht. Interessenten können jedoch mitThomas Uhe oder einem
versierten Verwandten telefonisch unter der Nummer (0172) 4 06 64 26 einen Besuchstermin
vereinbaren.
Im Internet ist Thomas Uhe unter der Adresse www.theramobile.de
präsent. Auf der Homepage zeigt er einen Teil seines Angebots.
Text und Fotos: Johann Haas
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